europa-reliefkarte Europa = Abendland ?
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Das Wort „Europa“ taucht zum ersten Mal im Griechischen auf, es kommt auch relativ selten in der Antike vor, und es kommt nicht bei Homer vor, weder in der „Jlias“ , einem der ältesten schriftlich fixirten Werke Europas noch in der Odyssee“, das zu den ältesten und einflußreichsten Dichtungen der abendländischen Literatur gehört.

Dem grichischen Dichter Hesiod zufolge ( um 700 v.Chr.), war die Halbgöttin Europa entweder eine der zehntausend Töchter des Okeanos oder die Tochter des Agenors,des Königs von Phönizien und die Schwester des Katmos. Sie war also eine Asiatin. Der Gottkönig Zeus verliebte sich in Europa und entführte sie, in Gestalt eines Stiers nach Kreta.

Die Herkunft des Wortes Europa liefert keine befriedigende Antwort. Am häufigsten wird es auf das grichische Eigenschaftswort >erus<(weit) und das Hauptwort >ops< (Auge, Gesicht, Erscheinung) zurückgeführt. >Zeus europè< heißt >Zeus sieht weitAsien und Europa< stammen vom Akkadischen ab, einer Sprache aus dem Zweistromland (Irak). Im Akkadischen bedeutet das Wort >asu< soviel wie >aufgehen< und >erebu< untergehen. Der erste Begriff würde somit das Morgenland bezeichnen, wo die Sonne aufgeht, der zweite das Abendland, wo sie untergeht.
So läßt sich auf das ganze gesehen nur sagen, daß Europa seinen Namen einer Reihe historischer Zufälle verdankt, ebenso das Ergebnis der Geschichte ist.
Ab dem 8. Jahrhundert taucht es in klarer Bedeutung wieder auf: als Einheit der westlichen Christenheit – die Britischen Inseln gehören allerdings nicht dazu.

Wie kommt es, daß ausgerechnet Europa unserem Erdteil den Namen gegeben hat?

Zitieren wir den ersten wirklichen Historiker, den Griechen Herodot (um 490 bis 430 v.Chr.), der zahlreiche Reisen zu historischen Stätten unternahm und dabei eine außerordendliche geistige Neugier an den Tag legte. In dem Gedicht eines zeitgenossen Hesidos, „Hymne an Apollon den Phytier“, so fand Herodot, erschien gegen Ende des 8. Jahrhunderts v. Chr. Europa nicht mehr als Frauenname, sondern als geographische Bezeichnung
Der unbekannte Dichter erinnert darin an die Menschen, > die auf dem reichen Peloponnes leben, die Europa bevölkern und die meerumspülten Inseln < . Mit Europa ist hier also der Norden des griechischen Festlandes gemeint; der Peloponnes und die Inseln gehören nicht dazu. Zwischen dem 8. und 5. Jahrhundert erfuhr die Bezeichnung “ Europa“ eine Ausweitung. Die Griechen, sagt uns Herodot, teilen die Erde in drei Zonen ein – Europa, Asien und Libyen (das heutige Afrikas). Europa erstreckt sich nun weit nach Norden, über die Donau hinaus bis in die Küstenregionen des Nordmeers, und reicht im Osten bis zum Don und zum Asowaschen Meer. Dennoch handelt es sich hier um ein Europa, das nicht so umfassend ist, wie wir es abzugrenzen suchten. Wann und wo beginnt Europa? Versteht man unter Europa eine kulturelle oder politische Einheit, dann -so der Italiener Carlo Cancino- beginnt es im Zeitalter der Karolinger (Jahr 800), begreift man Europa hingegen als eine „Gemeinschaft selbstbewußter Nationen“ dann wird man seine Anfänge ins 13.und 14. Jahrhundert verlegen müssen wenn nicht noch später. Diese Ansicht Cancinos teilen die Historiker wie dem Belgier Henri Pirenne, dem Deutschen Franz Steinbach und Franz Petri in ihrem Werk“Zur Grundlegung der europäischen Einheit durch die Franken“, und dem FranzosenJoseph Calmette und anderen Historiker. Endlos ließe sich über die „Geburt Europas weiterstreiten. Alles hängt von den Kriterien ab, die man dafür wählt. Man ist versucht, dem Italoamerikaner Robert Lopez zu folgen, wenn er schreibt: „Wer heute Europa sagt, der denkt nicht so sehr an einen einheitlichen Glauben oder an einen einheitlichen Staat als vielmehr an ein Netz gemeinsamer, politischer Institutionen, wissenschaftlicher, künstlerischer und literarischer Traditionen, ökonomischer und sozialer Interessen. West,-Nord,-Mittel-und Südeuropa haben von altersher immer wieder Zeiten der Gemeinsamkeit gekannt. Seit dem Neolitikum (etwa 4000-2000 v.Chr.) gibt es in weiten Teilen des westeuropäischen Vierecks die >großen Steine<, die Meuhire und vor allem die Dolmen. Die Errichtung solcher Grabstätten setzt voraus, daß die Menschen eine gemeinsame Vorstellung vom Tod, eine gemeinsame religiöse Überzeugung hatten und auch eine Technik, die sie gazu befähigte, die riesigen Steinblöcke zu behauen, zu befördern und aufzurichten. Weitere Beispiele für gemeinsame historische Phasen unterschiedlichen Typus und unterschiedlicher Intensität sind:
⦁ die Epoche der Kelten vom 6.bis 1.Jahrhundert vor Christus
⦁ das Weströmische Reich im 4.Jahrhunder n.Chr.
⦁ Die Epoche der Germanen im 5. bis 8. Jahrhundert
⦁ das Reich Karls des Großen
⦁ die westliche Christenheit
⦁ die Zeit der gotischen Kathetralen vom 12. bis 15. Jahrhundert
⦁ die Renaissace des 16. Jahrhundert
⦁ die Zeit der Vorherschaft in Handel und Industrie, Wissenschaft und Technik.

Bei keinem dieser Beispiele kann man von vollständiger Gemeinsamkeit sprechen: so haben Irland,Skandinavien und das Deutschland östlich des Rheins nicht zum Herrschaftsgebiet der Römer gehört. Die Skandinavier wurden weder von den Kelten noch von den Römern angegriffen, sie trieben aber mit beiden einen intensiven Handel und Irland wurde nur begrenzt von den Germanen beeinflusst.
Das westliche Europa war derart vielen gemeinsamen Einflüssen ausgesetzt, dass man es zeitweise mit einem großen Schmelztiegel vergleichen kann. Wichtig in diesem Zusammenhang die Kelten, ein Volk das sich wie kein zweites auf die kunst des Ackerbaus verstand. Den Römern verdanken wir die Schrift, das Recht, die Verwaltung, das städtische Leben und das Verkehrswesen. Im ganzen Westen verbreiteten die Römer Kunst, Literatur, Mathematik, Astronomie und Philosophie der Griechen. Der Einfuss der Germanen machte sich geltend in der Ausübung von Herrschaft, in den Sitten, in der Wertschätzung der Frau, bei der Entwicklung der Metallurgie, im Militärwesen.

Und schließlich spielt der jüdisch-christliche Einfluß eine beherrschende Rolle, vor allem der des Papsttums. Der Bruch zwischen der römischen und der griechisch-orthodoxen Kirche (1054) gehört zu den fundamentalen Erscheinungen im Werden des Abendlandes. Es darf aber auch nicht heruntergespielt werden, was gegen die Einheit des Kontinets spricht: so vor allem die Verschiedenheit der Sprachen und Dialekte, die Spaltung der Kirche. In dieser Hinsicht besitzt jedes Land seinen eigenen Charakter. Es darf auch nicht die schier unaufhörlichen Kriege in Europa geleugnet werden. Sie haben sich gerade in den Jahrhunderten entwickelt, als Europa dem Gipfel seiner Größe zustrebte – vom 16. bis ins 20. Jahrhundert. Die Eroberung von Kolonialreichen zu dieser Zeit, war vieleichet eine Quelle des Reichtums, aber sie hat auch zur Entstehung des Nationalismus und seiner Ausuferung beigetragen.

Michael Schleicher

Zitate von Frederic Delouche aus dem Buch das Abendland